Zeit für Führungsstärke

Der zum Präsidenten Barack Obama wird Schrittmacher sein nicht nur für die USA, sondern auch für Menschen in der ganzen Welt.
Angesichts der vielen Erwartungen, die in dieser Wahlkampagne entstanden sind, lohnt es sich, über realistische Möglichkeiten und Konflikte bei deren Verwirklichung nachzudenken.
Die weltwirtschaftlichen Probleme verschwinden nicht, nur weil es eine neue US-Regierung gibt. Aber es wird eine Stimmung des Wandels geben. Wenn ein neues Team an die Arbeit geht, das seine Politik noch ausformuliert, ist das wie bei einem Schiff, von dem alte Algen und Muscheln abgekratzt werden. Es bewegt sich anschließend schneller, flexibler, leichter. Es wird allerdings auch unerwartete und ungewollte Folgen geben.
Die Regierung steht vor einer Hauptaufgabe: Sie muss den Konflikt zwischen einem verantwortungsbewussten wirtschaftlichen Verhalten der Bürger und der verantwortungsbewussten Steuerung der Volkswirtschaft lösen. In der Vergangenheit war es typischerweise inakzeptabel, die Botschaft “Spart mehr” als “Gebt weniger aus” zu interpretieren, wegen der Folgen für das Wachstum. Aber weil der Dienst an der Gesellschaft einen neuen Stellenwert erhält, ist die Zeit reif dafür, Opfer zu fordern. Eine nationale Verständigung ist nötig: Wir müssen auf übermäßigen Konsum, Ausgaben für Kriege und hohe Rohstoffpreise reagieren, indem wir Erwartungen, Ausgaben und Exzesse zurücknehmen.
Allerdings muss die Konjunktur am Laufen bleiben, mit aktivem Beitrag der Verbraucher. Der extreme Einbruch des Autoabsatzes zeigt, welche Nachteile zu viel Zurückhaltung beim privaten Konsum hat. Individuen und die Gesellschaft insgesamt können nicht auf “billig” setzen. Die Regierung wird voraussichtlich weniger auf Marktkräfte vertrauen. Wenn aber keine Marktsignale genutzt werden, muss es andere Indikatoren geben. Das wird die Arbeit der Think-Tanks, Regierungsbehörden und Universitäten anregen und mehr Flexibilität schaffen. Allerdings sind auch politische Irrtümer und Debatten über die richtigen Ansätze zu erwarten.
Nicht zuletzt wird der schwindende Glaube an freie Märkte auch Einfluss auf die Währungskurse haben. Die Regierung wird schneller und härter intervenieren, um den gewünschten Wechselkurs zu erreichen. Eine solche extraterritoriale Wirkung politischer Ziele wird ein neuer Rückschlag für die Handelspartner der USA sein, vor allem wenn die amerikanische Politik sich weniger an Unternehmensinteressen orientiert als früher. Die Verbündeten der USA müssen auch damit rechnen, dass sie einen weniger freien Marktzugang haben werden.
Der Wandel innerhalb des Landes wird Auswirkungen auf die internationalen Perspektiven haben. Es wird völlig neue Herangehensweisen geben, alte Traditionen werden verschwinden und neue geschaffen. Das wird sich bei traditionellen Dimensionen des US-Kapitalismus zeigen wie dem Verhalten gegenüber Risiko, Wettbewerb, Gewinn und Eigentum. Entscheidungen werden sich weniger an der Relation von Risiko und Ertrag orientieren. Ein schwächerer Akzent auf Wettbewerb mag zu mehr Harmonie führen, aber auch zu weniger Innovation.
Ein kreativeres Denken bei Eigentumsfragen wird beispielsweise zu mehr Flexibilität bei der Entwicklung von Medikamenten führen, könnte aber zur Abwanderung von Pharmaunternehmen führen. Um sich ein Bild von den neuen Spielregeln zu machen, kann man sich einen Flipperautomaten vorstellen: Bislang bekommt der beste Spieler eine Extrakugel und kann seine Führung damit noch weiter ausbauen. Künftig wird möglicherweise der Spieler, der zurückliegt, eine Extrakugel erhalten, damit er aufschließen kann. Das wäre nicht uninteressant, führt aber zu einem ganz anderen Spiel.
Schließlich stellt sich die Frage, wer all die wichtigen Veränderungen bezahlen wird. In den letzten Jahrzehnten hat die Politik sich auf die Eindämmung der Inflation konzentriert. Jetzt schwenkt der Fokus auf die Schaffung von Beschäftigung, Sorgen vor Inflation werden zweitrangig gegenüber stimulierenden Ausgabenprogrammen. Mittelfristig kann das zur Notwendigkeit führen, die Staatseinnahmen spürbar zu verbreitern. Das wird angesichts der Versprechen, die Obama bei den Steuern gemacht hat, eine schwierige Aufgabe. Außerdem kann das den Standort Amerika weiter schwächen, was zu schwächeren Investitionen aus dem Ausland führen würde.
Die neue Regierung wird höhere Standards bei moralischem Verhalten und Aufrichtigkeit einfordern, von Individuen, Unternehmen und öffentlichen Behörden. Anders können Vertrauen und Zuversicht nicht erneuert werden. Doch diese Werte sind nicht über Nacht zu schaffen, sie verlangen graduelle Änderungen. Auch wenn der Wunsch nach schnellen Veränderungen besteht – im Zeitalter der Globalisierung ist ein abgestimmtes Vorgehen nötig, sonst erlebt man ein Rosinenpicken bei regionalen Vorteilen.
Es brechen neue Zeiten an, aber die Inspirationsquellen für Leadership haben wir. Vor 2000 Jahren gab der Apostel Paulus ein gutes Beispiel, dieser frühe Globalisierer. Er reiste viel, war in Tarsus geboren und daher römischer Bürger. Er hatte oft mit Widerständen zu kämpfen. Wurde der Hass zu stark, verwies er auf sein römisches Bürgerrecht. Das verlieh seiner Botschaft Kraft.
Die neue Regierung steht zu Hause und international vor schweren Entscheidungen. Viele Menschen in der Welt wollen Amerika lieben. Aber globale Leadership ist in der Vergangenheit zu oft von nacktem Pragmatismus verdrängt worden. Innere Stärke, Fähigkeit und ein moralischer Kompass sind essenziell für eine Führung zum Nutzen aller. Dann können die kommenden Jahre uns sozialen Fortschritt bringen.

NUR SO ZUM NACHDENKEN

Michael R.Czinkota und Thomas A. Czinkota

Die Schulferien sind zu Ende gegangen – der Urlaub vorbei. Wir haben viel Zeit mit unseren Kindern im Alter von 6, 7, und 10 Jahren beim Spielen, Denken und Diskutieren verbracht. Einige Fragen und Gedanken sind bis zum Schluss ungelöst im Raum stehen geblieben:
Sind Kinder überlastet? Unsere großen technischen und sozialen Errungenschaften ermöglichen es uns inzwischen, die Früchte unserer Arbeit auch zu genießen. Heutzutage ist es nicht mehr notwenig allein zur Sicherung der Existenz zu lernen, sondern wir können uns aussuchen was wir lernen wollen. Wir können unter anderem wählen zwischen Geschichte, Kunst, Musik und Poesie. 


Obwohl sich die Zielsetzung des Lernens geöffnet hat, das Vorgehen und die Rahmenbedingungen des Lernens haben sich nicht hin zu einer entspannten und glücklichen Kindheit gewandelt. Unsere Schulkinder werden Zusehens getaktete Arbeitsmaschinen, die in ihren stetig wachsenden Ranzen und Rollkoffern immer umfänglichere und komplexere Aufgaben mit sich führen. Zugegeben, das zur Verfügung stehende Wissen hat sich gewaltig vervielfacht, dennoch lernen unsere Kinder im Prinzip noch immer so, wie wir – ihre Eltern – es taten. Könnte es sein, dass wir in Wirklichkeit versuchen, mit veralterten Methoden und Ansätzen gewaltige Mengen von Wissen in den ersten Lebensabschnitt der Kinder zu pressen? Könnte es sein, dass wir damit am Ende damit lediglich erreichen, Kinderköpfe mit nutzlosen Dingen vollzustopfen?
Getreu dem Leitsatz: “Unter Druck formt man Diamanten“ zwingen wir unsere Kinder zum Lernen, in der Hoffnung, dass so ‚Etwas’ aus ihnen wird. Wir halten sie an, noch mehr, noch intensiver zu arbeiten. Mangelndes Interesse oder mangelnde Motivation gilt nicht als Ausrede. Freilich, niemand von uns fragt sich wirklich, warum unsere Kinder selten mangelndes Interesse am Fernsehen, am Spielen mit Freunden oder einfach am Kämmen von Puppen haben.

Die pharmazeutische Industrie stellt uns, freundlicherweise, entsprechende Tabletten zur Verfügung – welche auch großzügig verschrieben werden – um das zu korrigieren was einst als durchaus typisches Verhalten eines Kindes galt. Wir durften sogar Kinder mit einem persönlichen ‚Lern-Coach’ kennenlernen, der ihnen hilft, sich auf die wesentlichen Dinge im Alltag zu konzentrieren.
Daneben stellen sich aber auch Fragen zum Lernen selbst. Zum Beispiel: Warum müssen Kinder heutzutage noch immer auswendig lernen? Simples Rezitieren war entscheidend, als es noch keine Bücher, keine Lexika und somit keinen zentralen, institutionalisierten Wissensspeicher gab. Priester und Mönche waren gezwungen diesen auswendig zu lernen, um das kollektive Wissen zu verinnerlichen und mit der Autorität dieses Wissens zu sprechen.
Heutzutage allerdings haben wir Systeme wie Google, Bing und Wikipedia, die sich für uns erinnern. Es mag eingewendet werden, dass wenn wir uns darauf verlassen, verlassen wir uns auch auf die Weltsicht, Ansichten und Interessen unbekannter Autoren. Allerdings, warum nicht? Wir verlassen uns seit Jahrhunderten auf die Weltsicht, Ansichten und Interessen des Oxford Dictionary. Selbst die Mönche und Schriftgelehrten, die in mühseliger Kleinarbeit Manuskripte kopierten, fügten genehme Details hinzu oder ließen ungenehme weg. Es ist eine Jahrtausende alte Tradition Wissen den aktuellen Vorlieben anzupassen und im Sinne von partikular Interessen zu verändern.
Das bringt uns zu der Frage: Wie viel muss ein Kind wirklich wissen? Wird das mühsam und aufwendig erworbene Wissen jemals nützlich sein? Macht es wirklich Sinn, Wissen mit nach dem Ansatz: „Viel hilft viel“ – zu verabreichen. Wäre nicht ein just-in-time Ansatz, bei welchem Informationen und Lehrmaterialien dann zum Download zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden, hilfreicher?
Erfahrungsgemäß besteht immer ein erheblicher Widerstand, wenn man sich von bewährten Vorgehensweisen trennen soll. Es gab einmal eine Zeit, in welcher die feste Meinung herrschte, dass nur mithilfe des Rechenschiebers das algebraische Verständnis der Kinder angemessen geschult werden könne. Vor über 40 Jahren brachte Texas Instruments dann einen kleinen, billigen Rechner aus Plastik auf den Markt, der sogar zusätzlich Wurzeln ziehen konnte. Sind wir etwa dümmer geworden?
Als der ungarische Erfinder Josef Brio den Kugelschreiber erfand, wurde dessen Benutzung in den Schulen verboten. Das Ende der westlichen Zivilisation – so wie wir sie kannten – stand als Schreckgespenst im Raum, falls unsere Kinder aufhören sollten, Stahlfedern behutsam in Tinte zu tauchen. Wo stehen wir nun?
Was ist aus den mühseligen Übungen geworden, Buchstaben kursiv zu schreiben? Welchen Nutzen hatten diese Übungen letztendlich? Schreibt nicht fast jeder mittlerweile seine Texte mit dem Computer und ist so in Lage frei zwischen einer Vielzahl von Schriften zu wählen, angefangen von Times New Roman über  Britannic Bold hinzu Verdana. Auch bei der Rechtschreibung und Grammatik korrigiert der Computer inzwischen die gröbsten Fehler, kleinere beeinflussen in der Regel nicht die Kommunikation und das Verständnis.
Hat die Vielzahl neuer Küchenmaschinen und Küchenutensilien wirklich dafür gesorgt, dass unsere Partner weniger Zeit in der Küche verbringen? Könnte es nicht sein, dass ebenso die ganzen neuen Lehr- und Lernmethoden unseren Kindern nicht helfen werden, mehr Zeit für sich zu haben? Können wir wenigstens neue Dinge die wir persönlich für wichtig halten dem Curriculum hinzufügen?
Gibt es jemanden der dafür verantwortlich zeichnet, überflüssige Lehrinhalte rechtzeitig zu streichen? Üblicherweise kommen neue Lehrinhalte zum Unterrichtsstoff hinzu, selten verschwinden welche. In den Ferien besuchten wir Jena, früher vor der Wiedervereinigung eine Hochburg der Glasverarbeitung. Heute wird noch immer viel Glasmanufaktur betrieben, aber das Koennen des einzelnen Glasschleifers ist hauptsaechlich von Computern uebernommen worden  Viel Wissen bzgl. der Glasverarbeitung, das über ein Jahrhundert angesammelt worden war, ist nun hinfällig geworden. Computer erledigen die Arbeit nun schneller, präziser und noch dazu billiger.
Nach diesem Familienurlaub fragten wir uns: Ist es nicht wesentlich sinnvoller und wichtiger, mehr Freizeit mit unseren Kindern zu verbringen. Mit Ihnen zu spielen, Ihnen zuzuhören, gemeinsam Musik und Sport zu machen oder vielleicht ein Theater zu besuchen? Wir sollten unseren Kindern die Dinge erklären, die sie wirklich wissen müssen. Zum Beispiel halten wir es für wichtig, dass unsere Kinder zumindest grundsätzlich verstehen, dass sich Preise nicht primär aufgrund von Kosten, sondern vor allem aus Angebot und Nachfrage bilden. Dass Anhaeufung von Ressourcen gut sein kann, aber nicht in Gier ausschlagen soll. Unserer Ansicht nach sollte es auch eine Wissenspraemie geben fuer Moral, Werte, langfristiges Denken, ein Gefühl für Offenheit und Freude, die Bedeutung von Freundschaft und neuen Freunden, Netzwerkeffekte und auch den Zusammenhang zwischen Geld ausgeben und Geld sparen. Mit solchem Wissen koennen unsere Kinder dann vielleicht eine Weltwirtschaftskrise nicht vermeiden, aber zumindest verstehen und darauf reagieren.